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Barbara Lampridou
Barbara Lampridou (Foto: SWR3)
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

Die Ukrainerin Tania ist mit ihren beiden Kindern im Februar aus Kiew geflüchtet und lebt seitdem bei der Stuttgarterin Hilli, die die Familie in ihrem Haus aufgenommen hat. So läuft ihr Leben in der neuen, fremden Heimat.

Den Moment, auf den sich Hilli Pressel seit Tagen versucht vorzubereiten, rettet ihr Hund. Denn als die ukrainische Familie – geflohen aus Irpin bei Kiew und seit einer Woche im Auto unterwegs – über die Türschwelle der Stuttgarterin tritt, zaubert Hündin Chica mit ihrem Willkommens-Gebell ein Lächeln auf die müden Gesichter der Kinder. Es ist das erste mal seit Tagen. Denn sie sind nun endlich angekommen, in Sicherheit.

Im Audio: So war die erste Begegnung in Stuttgart.

Die Stuttgarterin Hilli Pressel (zweite von links) und Familie Stychynska. (Foto: SWR, Barbara Lampridou)

Nachrichten Flucht aus der Ukraine: Die Familie kommt in Stuttgart an

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Wir begleiten Tania und ihre Familie über die kommenden Wochen und Monate und erzählen in diesem Artikel ihre Geschichte regelmäßig weiter. Über die Links könnt ihr direkt zu einzelnen Kapiteln springen. Das neueste Kapitel steht gleich oben.

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Zwei kleine Zimmer im oberen Stock

Ich möchte, dass sie sich wohl fühlen, ich möchte, dass sie zur Ruhe kommen“, sagt Hilli, die als Sozialarbeiterin arbeitet. Zwei kleine Zimmer im oberen Stock ihres Hauses hat sie für die Familie eingerichtet. Dort gibt es auch ein eigenes Bad und eine kleine Küche unterm Dach. Mehrfach entschuldigt sich Hilli, dass alles nur sehr einfach und auch schon etwas älter ist. Aber Tania ist in diesem Moment einfach nur dankbar. Sie kann kaum glauben, dass sie nun hier kostenlos mit den beiden Kindern bleiben darf.

In der Ukraine hatte die Familie ein gutes Leben

Die Familie, das sind Mutter Tania, die 18-jährige Tochter Sonia und Sohn Wowa, 11 Jahre alt. Vater und Ehemann Dima ist in Kiew geblieben. Wie alle wehrpflichtigen Männer zwischen 18 und 60 darf er das Land nicht verlassen. Die Familie hatte ein gutes Leben in Kiew, zählt zur gehobenen Mittelschicht. Sie arbeitet als Friseurin, er ist Architekt. Bis vor wenigen Wochen lebten sie in einem modernen, voll digitalisierten Haus. Jetzt schlagen um sie herum die Bomben ein und Tania sagt, dass sie nie damit gerechnet habe „hundert Jahre zurück zu gehen“. Denn auch das bedeutet Flucht: Zerstörung, Verlust und sozialer Abstieg.

Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Vater Dima, Mutter, Tania und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts). (Foto: SWR)
Bild aus einem Leben, das es so nicht mehr gibt: Die Familie in ihrem Haus in Irpin bei Kiew. Mutter Tania, Vater Dima, und die beiden Kinder Sonia und Wowa (von links nach rechts).

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Der Krieg spielt auch in Hillis Leben eine besondere Rolle

Ich hab sie wirklich schon ins Herz geschlossen“ sagt die Stuttgarterin Hilli einige Tage später. Das Verhältnis ist herzlich. Die ganze Familie in der Ukraine kennt Hilli jetzt schon vom Telefon: Die Omas und Opas und natürlich Ehemann Dima. Sie alle sind froh, dass Tania und die Kinder in Sicherheit sind und Hilli sich so herzlich um sie kümmert. Das rührt die Stuttgarterin. Sie ist froh, dass sie etwas tun kann und sagt, dass Krieg schon immer eine besondere Bedeutung in ihrem Leben hatte. Ihre eigene Mutter ist Holländerin und litt unter der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg. Der Vater war Arzt an der Front und in russischer Gefangenschaft. Das Thema gehe ihr „unter die Haut“, sagt Hilli.

Tania will Deutsch lernen und arbeiten

Sitzen und warten will die Familie nicht. Stattdessen lernt Tania mit den Kindern Deutsch über einen Onlinekurs. Sie sagt, das Land in dem man lebt, solle man respektieren – und das zeige man, indem man die Sprache lernt.

Wowas Freund wurde auf der Flucht erschossen

Tania hofft auf eine schnelle Arbeitserlaubnis und dass ihre Kinder vom Krieg wegkommen. Auch mit dem Kopf. Hilli hat deswegen organisiert, dass der 11-Jährige Wowa beim Schwimm-Schnupperkurs mitmachen kann. Jetzt nach den Osterferien soll für ihn auch endlich die Schule losgehen. Denn der Junge will unbedingt wieder andere Schulkinder treffen – vielleicht kann er so besser seine Traumata verarbeiten. Eines davon dreht sich um seinen Schulkameraden, der am Anfang des Krieges versuchte zu fliehen. Bis ans Taxi hatten er und seine Mutter es geschafft – dann wurden sie erschossen.

Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.  (Foto: SWR)
Wowa in einem Kostüm und sein 12-jähriger Freund Vanya, der bei der Flucht aus Kiew erschossen wurde.

Tochter Sonia findet schneller Anschluss

Der 18-jährigen Sonia scheint es einfacher zu fallen, Anschluss zu finden. Abends trifft sie oft neue Freunde in der Stadt. Tania entschuldigt sich schon mit einem Lachen, dass ihre Tochter so viel unterwegs ist. Doch Hilli winkt lachend ab. Sie hatte sich mehr Leben im Haus gewünscht und freut sich, dass die Familie so schnell so vernetzt und selbstständig ist. „Die melden sich, wenn sie was brauchen. Das ist einfach klasse!“

Nachts, wenn die Bomben einschlagen

Sehr oft ist Tania mit den Gedanken bei ihrem Mann Dima, der in Irpin im Haus der Familie geblieben ist: Lebt er noch? Was passiert mit ihm? Am liebsten wäre sie bei ihm, würde für ihn und die Soldaten kochen. Doch ihr Mann verbietet ihr zurückzukommen – sie solle sich in Deutschland um die Kinder kümmern, denn in Irpin ist es nach wie vor nicht sicher. In Momenten wie an jenem Abend, als sie mit ihm telefonierte und der Bombenalarm losging, fällt das allerdings schwer. „Du musst Dich sofort verstecken“, hat sie gerufen.

Tanias Vater ist von Putin überzeugt – wie kann sie damit umgehen?

Der Krieg in der Ukraine zieht eine tiefen Graben durch Tanias eigene Familie. Sie seufzt tief, bevor sie anfängt, über das Thema zu sprechen. Denn die Eltern sind ein russisch-ukrainisches Paar und leben in Moskau. Die Mutter, eine Ukrainerin, beschreibt Tania als sehr modern. Sie hat TikTok und Telegram und informiert sich auch dort über den Krieg. Der Vater, ein Russe, ist allerdings schon über 70 und davon überzeugt, dass Russland die Ukraine von den Neonazis befreit. Auch Tanias Schwester ist Putin-Fan.

Für Tania ist die Situation extrem schwierig. Sie will den Kindern nicht die Großeltern und die Tante wegnehmen oder den Kontakt nach Russland kappen. Doch sie muss auch einen Weg finden, um mit den Verbrechen russischer Soldaten in der Ukraine umzugehen.

Sie sagt, dass man nicht selbst so ein grausamer Mensch werden darf. Vielmehr will sie ihre Kinder weiter in Liebe erziehen. Solche Dinge dürften nicht das ganze Leben bestimmen. Tania will ihren Kindern Vorbild sein und sagt, dass nicht alle Menschen aus Russland in einen Topf geworfen werden dürfen. Die Kinder Wowa und Sonia haben hier in Deutschland sogar russische Freunde gefunden.

Tania glaubt aber auch, dass Russland die Ukraine nicht besiegen wird. Sie sagt, dass die Ukraine erst jetzt richtig geboren wird. Und zu einer Geburt gehörten auch Blut, Schmerzen und Tränen dazu.

Das lange Warten auf die Arbeitserlaubnis

Nach rund einem Monat in Stuttgart wartet Tania weiterhin auf ihre Arbeitserlaubnis. Auch wenn sie im oberen Stock eine eigene kleine Wohnung haben, fällt Tania und ihrer Tochter an manchen Tagen die Decke auf den Kopf. Deswegen hat Hilli den beiden vorgeschlagen, ehrenamtlich bei der Tafel zu arbeiten. „Unter Leute kommen, was zu tun haben, ein bisschen Deutsch üben...“, all das sind gute Gründe, sagt Hilli. Mutter und Tochter haben auch schon ehrenamtlich in der Ukraine gearbeitet und nehmen das Angebot sofort an.

Wowa hat weiter Online-Schulunterricht

Dass der Alltag trotz Flucht irgendwie normal weiterläuft, ist wichtig für die Familie. Es sind kleine, selbstbestimmte Entscheidungen, die wichtig sind. Wie zum Beispiel das Auto zur Werkstatt bringen zu können – auch in Deutschland.

Oder dass Sohn Wowa weiterhin Schulunterricht hat. Bevor er an eine Schule hier in Deutschland gehen kann, nimmt er am Online-Unterricht teil, den die Lehrer aus der Ukraine organisieren. Es gibt sogar Online-Sportunterricht für die Schülerinnen und Schüler, die in halb Europa verstreut sind. Wowa berichtet, dass sie ihren Lehrer, der in der Ukraine geblieben ist, neulich dazu zwingen mussten, den Unterricht zu beenden, denn es hatte dort wieder einen Bombenalarm gegeben. Der Lehrer hatte aber darauf bestanden, zuerst die Aufgaben fertig zu machen.

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Von der Ukraine nach Deutschland geflohen: Die Familie zieht ein erstes Zwischenfazit

Etwas mehr als sechs Wochen leben Tania und die Kinder jetzt bei Hilli in Stuttgart. Hundert Prozent eingelebt haben sie sich noch nicht, aber ganz fremd sind sie auch nicht mehr. Viele kleine Dinge im Alltag kann die Familie selbst bewältigen, was sehr wichtig für sie ist.

Tania sagt, dass die Menschen hier sehr nett zu ihr sind. Das will sie auch mitnehmen, wenn sie irgendwann zurückgeht in die Ukraine. Ganz unabhängig von politischen Entscheidungen, wie Waffenlieferungen an die Ukraine, die hier kontrovers diskutiert werden.Dass man auf der menschlichen, der persönlichen Ebene kommuniziert, ist das Wichtigste“, sagt Tania. Es sei das, was die Menschen zusammenhält und aufbaut.

Schlechtes Gewissen und Traum von der Heimkehr

Seit zweieinhalb Monaten ist Tania jetzt schon von ihrem Mann getrennt und weit weg von ihrem Zuhause in Kiew. Anfangs war auch Tanias schlechtes Gewissen mit in Stuttgart eingezogen – denn manche Menschen in der Ukraine beschimpfen sie und alle, die das Land verlassen haben, als Verräter...

Manche sagen: 'Ihr seid Verräter, weil ihr geflohen seid' ... Ich habe erst das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, seit ich von Butscha erfahren habe. Davor hatte ich immer Schuldgefühle. 

Jeden Tag, sagt Übersetzerin Genia, spricht Tania morgens und abends im Videochat mit ihrem Mann, der sich mittlerweile kaum noch selbst ernähren kann. Seine Baufirma hat zur Zeit null Einnahmen, Lebensmittel sind irre teuer geworden. Und jeden Tag sagt Tania trotzdem zu ihm, dass sie sofort zu ihm fahren würde. Ihr Mann möchte das aber nicht, weil es keinen sicheren Ort in der Ukraine gibt. „Wir streiten viel deswegen.“

Früher dachte ich: Ok, wir müssen uns jetzt in Deutschland erstmal ein bisschen einschränken, dafür kommen wir dann zurück und werden dann weiterhin so leben wie früher. Aber jetzt sieht man, dass es wahrscheinlich nicht mehr so wie früher sein wird. Es wird große finanzielle, wirtschaftliche Probleme geben.

Und trotzdem malt sie sich ständig aus, wie es sein wird, irgendwann heimzukommen: 

 Ich werde sicher vor Freude sehr viel weinen. Meine Tochter Sonia und ich stellen uns immer vor, wie wir unseren Hund umarmen. Und selbst die Nachbarn, zu denen wir kaum Kontakt hatten – wir haben das Bedürfnis, selbst die zu umarmen.

Auch mit dem Freundeskreis und mit Verwandten spricht Tania oft über die Zeit, wenn sie und die vielen anderen geflüchteten Menschen aus ihrem Umfeld zurückkehren. 

Alle sagen: „Wenn ihr zurückkommt, werden wir feiern.“ Tania kann sich das nicht so richtig vorstellen, weil alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten heimkommen. „Werden wir dann jeden Tag feiern?!“

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und sortieren Dokumente. (Foto: SWR3)
Obwohl Hilli sich als Sozialarbeiterein mit offiziellem Papierkram auskennt, ist es nicht leicht, sich durch alle Anträge zu kämpfen.

Der Kampf mit der Bürokratie

Tanias neues Lieblingswort lautet Fiktionsbescheinigung. Das ist eine Bescheinigung, dass man ausländerrechtlich registriert ist, aber der ausländerrechtliche Status ist noch ungeklärt. Wenn der geklärt ist, dann weiß man, ob man arbeiten darf oder nicht. An diese Bescheinigung für Tania und die Kinder zu kommen – ein Riesenakt. Hilli musste viel telefonieren, Mails und Beschwerden an die Stadt schreiben, um an die richtigen Infos für die Anträge zu kommen.

Auf Bundesebene sagt man, das läuft alles easy, aber die Beamten rödeln und ersticken in Arbeit und kommen nicht mehr klar, vorne und hinten nicht.

Bis die Bescheinigung kam, wie viel Geld Tania und den Kindern zusteht, war es auch ein schwerer Weg.

Wir hatten schweißtreibende Stunden zusammen, um das zu verstehen. Erstens war der März ein halber Monat. Zweitens setzt sich der Lebensunterhalt aus zwei verschiedenen Paragraphen des Asylbewerber-Leistungsgesetzes zusammen. Drittens hatten sie ja eine Vorauszahlung bekommen, die dann gegengerechnet wurde. Und das alles mit Google Translator zu erklären, war schwierig.

Schwierig findet Hilli auch, dass es keinen kostenlosen Deutsch-Kurs für Geflüchtete gibt, solange ihr rechtlicher Status nicht geklärt ist. Tanias Ersparnisse sind deshalb schon draufgegangen, weil sie nicht soviel Zeit verlieren wollte.  

Wir sind gespannt, ob Tania ihre Arbeitserlaubnis hat, wenn wir nächstes Mal mit ihr sprechen.

Kehrt Tanja zurück in die Ukraine?

Seit vier Monaten lebt die Ukrainerin Tanja mit ihren beiden Kindern bei der Stuttgarterin Hilli Pressel, nachdem sie wegen des Kriegs aus Kiew geflüchtet ist.

Tanja ist emotional sehr hin- und hergerissen, da es aus ihrer Heimat gute und schlechte Nachrichten gibt.

Die gute Nachricht: Für die Baufirma von Tanjas Mann, der in Kiew zurückbleiben musste, geht es nach Monaten des Stillstands endlich wieder aufwärts. Die Baufirma hat mehrere Bauaufträge bekommen, da Einkaufszentren schnell renoviert werden müssten.

Die schlechte Nachricht ist leider, dass die Oma der beiden Kinder an Krebs erkrankt ist und die Familie jetzt wieder zurückwill, um vielleicht die letzte gemeinsame Zeit zu nutzen. Dabei trifft es die 18-jährige Tochter sehr hart, da sie ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Oma hat.

Bekannte aus dem Umkreis geben Entwarnung und sagen, dass die Familie zurückkommen kann, da wieder alles okay sei. Es läutet am Tag aber immer noch mehrere Sirenen, woran man sich aber gewöhnt hätte. Doch gerade die beiden Kinder Wowa und Sonia könnten dadurch wieder traumatisiert werden. Andere Mütter mit Kindern hingehen, raten der Familie aber davon ab, da es noch zu unsicher sei und es immer wieder zu Explosionen kommt.

Tanja ist hin und her gerissen: Einerseits könnte sie es sich niemals verzeihen, wenn sie mit den Kindern zurückfährt und ihnen dabei etwas passiert. Andererseits möchte sie die Oma, also die Mutter ihres Mannes sehen.

Die Familie überlegt, in den Ferien für eine Woche zurückzufahren.

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 15. August, 18:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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