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Marlene Mogk
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Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

Fake News verbreiten sich so schnell, dass die Fakten kaum hinterherkommen. Woran liegt das? Wie gefährlich sind Fake News und was bringen Faktenchecks?

Wer verbreitet Fake News?

Der Duden definiert Fake News als „in den Medien und im Internet, besonders in sozialen Netzwerken, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen“. Aber wer verbreitet diese Falschinformationen und aus welchen Gründen? Psychologin Pia Lamberty forscht am Center für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz Cemas zu Verschwörungstheorien und ist dieser Frage nachgegangen.

Bei Desinformationen geht es darum, dass eine Intention, also eine Absicht, dahinter steht und man aus bestimmten Gründen diese falschen Informationen in die Welt bringt. Das können finanzielle Interessen sein, dass Firmen versuchen, gezielt falsche oder irreführenden Informationen zu streuen. Dass man versucht sich zu bereichern, das hat man auch in der Covid-Pandemie immer wieder gesehen. Es können auch ideologische Gründe dahinter stehen, dass man falsche Dinge in die Welt trägt, weil man zum Beispiel einen Systemumsturz will, weil man will, dass die eigene rechtsextreme Propaganda verbreitet wird. Oder weil man selber daran glaubt und versucht das ganze noch mal so aufzuarbeiten.

Fake News werden häufig von Menschen verbreitet, die zu bestimmten Themen eine besonders starke Meinung haben. Zum Beispiel Politik, Klimawandel, Ernährung, in den letzten Jahren natürlich Corona. Mit falschen Informationen sollen Menschen beeinflusst und die gesellschaftliche und politische Stimmung in eine Richtung gelenkt werden.

Eine andere große Motivation, Falschnachrichten zu verbreiten: wirtschaftlicher Profit. Manche dieser Falschmeldungen klicken sich gut. Und eine große Reichweite oder Auflage bedeuten meistens: hohe Werbeeinnahmen. Das kann sehr lukrativ sein.

Fake News sind kein neues Phänomen

Falschinformationen werden häufig mit sozialen Netzwerken assoziiert. Dabei sind Fake News kein neues Phänomen. Historisch betrachtet finden sich zahlreiche Beispiele aus allen Epochen.

Ein Beispiel ist die sogenannte „Dolchstoßlegende”. Kurz zusammengefasst: Deutschland habe den ersten Weltkrieg nur wegen Verrätern und Feiglingen in den eigenen Reihen verloren. Vor allem linke Politiker und Juden wurden beschuldigt. Eine Lüge, die damals bewusst verbreitet wurde, zum Beispiel von rechten Vertretern, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen und Hass zu schüren. Auch dem Antisemitismus hat das einen großen Nährboden geboten. Die „Dolchstoßlegende“ zeigt, dass Fake News und die Verbreitung von Lügen nicht nur ein Ärgernis sind, sondern auch eine große Gefahr sein können.

Durch die sozialen Medien haben sich allerdings die entscheidende Parameter in Bezug auf die Verbreitung der Falschinformationen verändert. Wer früher noch Druckplatten brauchte, um seine Flugblätter zu verbreiten, kann heute schnell einen Post in den sozialen Netzwerken absetzen und unzählige Menschen erreichen. Der Aufwand ist geringer geworden, die Reichweite dafür gestiegen.

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Fake News: Die Rolle der sozialen Medien

Wissenschaftler konnten mittlerweile nachweisen, dass sich Fake News schneller im Netz verbreiten als die Wahrheit. Eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology hat herausgefunden, dass sich Fake News auf Twitter sechsmal schneller verbreiten und hundertmal mehr Menschen erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Falschnachrichten geteilt werden, liegt um 70 Prozent höher als bei sachlich korrekten Tweets. Die Autoren von der Studie sehen vor allem psychologische Gründe: Wir mögen neue Dinge. Auch neuartige Informationen. Einer der Autoren sagt dazu:

Falsche Nachrichten sind neuartiger, und die Menschen teilen eher neue Informationen.

Die Forscher stellten weiterhin fest, dass User, die Falschnachrichten teilten, auf solche stärker reagieren als auf wahre Nachrichten: Sie zeigten besonders heftige Gefühle, beispielsweise Überraschung oder Abscheu. Relevant ist demnach nicht nur die Neuartigkeit einer Information – es sind auch die ausgelösten Emotionen.

Zwei aufeinander aufbauende Studien aus Kanada aus dem Jahr 2020 bestätigen die These der MIT-Untersuchung. Für die erste Studie wurden die Probanden in zwei Gruppen unterteilt. Der ersten Gruppe wurden Nachrichten zum Thema Covid-19 in Form von Facebook-Posts vorgelegt. Sie sollten einschätzen, ob es sich um Fakten oder Fake News handelt. Etwa 68 Prozent der Probanden erkannte, ob eine Nachricht richtig ist oder nicht. 32 Prozent lagen falsch.

Mit Faktenchecks gegen Fake News? (Foto: SWR3)

Die zweite Gruppe sollte angeben, ob sie die Posts teilen würden. Sie wussten allerdings nicht, ob es sich um korrekte Meldungen oder Fake News handelt. In dieser Gruppe sagten durchschnittlich 40 Prozent, dass sie die jeweiligen Posts geteilt hätten. Auch Falschnachrichten hätten sie so weiterverbreitet.

Die zweite Studie wurde mit neuen Probanden durchgeführt, der Aufbau blieb weitgehend gleich – mit einem Unterschied: Für die zweite Gruppe gab es eine kleine Änderung. Bevor die Probanden gefragt wurden, ob sie die jeweiligen Posts teilen würden, wurde ihnen ein neutraler News-Post vorgelegt, und sie sollten einschätzen, ob es sich um eine korrekte Meldung oder um eine Falschinformation handelt. Die Folge: Die Bereitschaft, Posts zu teilen, sank deutlich. Demnach könnte die Frage, ob eine Nachricht der Wahrheit entspricht, eine Verbreitung eindämmen.

Vorwürfe gegen Facebook

Nicht nur Urheber von Fake News und diejenigen, die Falschnachrichten teilen, haben einen Einfluss auf deren Reichweite. Auch die Plattformen selbst können das Problem verschärfen.

Im September 2021 veröffentlichte das Wall Street Journal die sogenannten Facebook Files. Darin werden schwere Vorwürfe gegen Facebook erhoben, die auf Dokumenten und Aussagen der Whistleblowerin Frances Haugen basieren, einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin. Aus den Unterlagen und Berichten gehe hervor, dass Facebook in der Vergangenheit für die eigenen wirtschaftlichen Interessen in Kauf genommen habe, dass der Gesellschaft und den Usern geschadet werde. Hass und Hetze würden durch den Algorithmus sogar gepusht werden. Das betreffe nicht nur Facebook, sondern auch Instagram, das wie Facebook zum Konzern Meta gehört.

Mark Zuckerberg, der CEO von Meta, hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. Er schrieb in seiner Stellungnahme auf Facebook: „Das Argument, dass wir absichtlich Inhalte fördern, um Menschen für Geld wütend zu machen, ist zutiefst unlogisch.“ Auch Andy Stone, ein Sprecher von Facebook, hat die Vorwürfe in einem Statement bestritten: „Die Behauptung, wir würden schlechte Inhalte fördern und nichts tun, ist einfach nicht wahr.“

I wanted to share a note I wrote to everyone at our company.

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Hey everyone: it's been quite a week, and I wanted to...Posted by Mark Zuckerberg on Tuesday, October 5, 2021

Mittlerweile wurde Frances Haugan von einem Ausschuss des US-Senats und einem Ausschuss des Europaparlaments befragt. Einige US-Senatoren wollen Schritte gegen Facebook einleiten. Wie genau die aussehen und ob das wirklich passiert, muss sich erst noch zeigen.

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Haben Fakten eine Chance gegen Fake News?

Ein Faktencheck soll aufklären und hartnäckige Irrtümer und Lügen mit nüchternen Fakten widerlegen. Die große Herausforderung ist allerdings, die Menschen zu erreichen, die an kursierende Falschinformationen glauben.

Wenn man sich mit wissenschaftlichen Fakten auseinandersetzt, sieht man schnell, dass es häufig sehr komplex ist. Es gibt keine einfachen Antworten, und man muss seine Meinung immer wieder revidieren. Desinformation und Fake News funktionieren da anders: Sie knüpfen an die Bedürfnisse von Menschen an, sie arbeiten mit Generalisierungen, und sie arbeiten mit starken Emotionen. Man sieht in der Erforschung, dass sich gerade diese stark emotionalisierten Inhalte leichter verbreiten in Social Media, dass sie eine größere Reichweite erzielen als komplexe Informationen, die man nicht einfach in einem fabrizierten Bild unterbringen kann.

Die Pandemie hat gezeigt, dass Wissenschaft nicht für alle nachvollziehbar ist. Diskussionen wie das Hin und Her zwischen der Bild-Zeitung und dem Virologen Christian Drosten, aber auch Debatten über Öffnungen, Schließungen und Inzidenzen. Mal hieß es, die Alten seien gefährdet, dann die Jungen. Erst: Der Astrazeneca-Impfstoff sei sicher. Dann: Der Astrazeneca-Impfstoff sei doch nicht so sicher – und so weiter.

Das kann chaotisch wirken, ist aber im Grunde genommen ein ganz normales Vorgehen: Wissenschaftler sammeln Informationen. Im Laufe der Zeit werden immer mehr Studien durchgeführt, Statistiken erstellt, Erkenntnisse gewonnen und Entwicklungen beobachtet. Anhand dieser Informationen werden neue Empfehlungen erlassen, um dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Fakten zu entsprechen. Folglich werden alte Empfehlungen überarbeitet oder sogar zurückgenommen, wie im Fall des Astrazeneca-Impfstoffs.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass sich Fake News einfacher und schneller in die Welt setzen lassen als eine wissenschaftliche Arbeit oder eine saubere Recherche. Reißerische Headlines sind schnell ausgedacht, die entsprechende Gegenrecherche dauert länger.

Schnelligkeit ist aber ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Falschinformationen, das haben Studien gezeigt. Es gibt auch gute Nachrichten: Faktenchecks wirken, und die meisten Menschen sind zugänglich für fundierte und korrekte Fakten. Das belegen mittlerweile auch eine Reihe an Untersuchungen.

Fake News: Was kann man selbst tun?

Letzten Endes entscheidet jeder für sich, was er oder sie weiterverbreitet. Wichtig ist, einen bewussten Umgang mit Inhalten in den sozialen Medien zu entwickeln und zu hinterfragen, was sich dort verbreitet und wer welche Informationen in die Welt gesetzt hat. Aber auch Quellen prüfen oder nachlesen, kann helfen, Fake News zu enttarnen. Was haben renommierte Medien zu diesem Sachverhalt geschrieben?

Die Unterscheidung zwischen Meinung und Fakten ist besonders wichtig. Oder zu erkennen, wenn Meldungen besonders emotional gehalten sind. Zur Medienkompetenz gehört auch, dass man abwägt, wann Gegenrede angemessen ist und wann nicht. Denn je mehr Nutzer einen Post mit Falschnachrichten kommentieren, desto größer wird dessen Reichweite. Der Post wird also noch mehr Menschen angezeigt. Deswegen empfiehlt Lamberty, dass man „kleine“ Posts lieber ignoriert, während eine Klarstellung bei großen Akteuren mit viel Reichweite wichtig ist.

Eine weitere Option ist es, sich bewusst auf Kanälen zu informieren, die transparent arbeiten, ihre Quellen zugänglich machen und deren Inhalte auf Fakten, nicht auf Meinungen, basieren.

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Fazit: Mit Fakten gegen Fake News?

  • Auch wenn es Fake News schon immer gab, hat sich das Problem dennoch durch die sozialen Medien verschärft. Falschinformationen verbreiten sich auf Facebook und Co. nachweislich schneller als die Wahrheit.
  • Faktenchecks und faktenbasierte Nachrichten hinken meistens hinterher. Trotzdem sind sie erwiesenermaßen ein gutes Werkzeug gegen Falschinformationen.
  • Faktenchecks alleine kommen der Masse an Fake News nicht hinterher. Sie können aber den Nutzerinnen und Nutzern den Hinweis geben, aufmerksam zu sein, zu hinterfragen und an wissenschaftliche Fakten zu glauben. Denn wichtiger als Faktenchecks sind die Menschen, die an Fakten glauben, die wissbegierig sind, kritisch denken und die Fakten mit anderen teilen.

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